Rassismus nicht verschweigen, sondern thematisieren

29.10.2020

Interview mit Prof. Dr. Karim Fereidooni, Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum

Schule heute: Herr Fereidooni, wie groß ist eigentlich das Rassismusproblem an deutschen Schulen?

Karim Fereidooni: Genaue Prozentzahlen kann ich Ihnen hierzu nicht nennen, da bisher keine repräsentative Studie existiert. Meine Haltung als Rassismusforscher dazu ist, dass überall da, wo Menschen zusammenkommen, ungleiche Strukturen eine Rolle spielen und somit kein Raum frei von Rassismus ist. Es gibt keine Schulen ohne Rassismus, dies muss man grundsätzlich so sagen. Durch qualitative Studien wissen wir, Rassismus spielt eine Rolle in den Schulen und deswegen sollten wir uns damit beschäftigen.

Sh: Im Rahmen Ihrer Forschung haben Sie eine Studie von Lehrkräften über Rassismus in Klassen- sowie Lehrerzimmern veröffentlicht. Was sind die prägnantesten Ergebnisse Ihrer bisherigen Forschung?

Fereidooni: Viele Lehrerinnen und Lehrer haben in Interviews, die ich Rahmen meiner Forschung durchgeführt habe, von ihren Rassismuserfahrungen im Berufskontext berichtet, aber zuvor im Fragebogen haben dieselben Menschen angegeben, dass sie bisher noch keine Rassismuserfahrungen gemacht haben. Diesen Umstand habe ich zum Anlass genommen, um mich mit der folgenden Frage auseinanderzusetzen: „Was hält diese Menschen davon ab, ihre Erfahrungen, die rassismusrelevant waren, als Rassismus zu bezeichnen? Ich konnte unterschiedliche Dethematisierungstrategien, wie z. B. Verharmlosung, Unsicherheit, Verleugnung usw., herausarbeiten, die dafür verantwortlich sind, dass einige Lehrkräfte ihre Rassismuserfahrungen nicht verbalisieren können. Die Ursache hierfür liegt meiner Ansicht nach u. a. darin begründet, dass das Thema Rassismus weitestgehend tabuisiert wird in der deutschen Gesellschaft und keine Person von sich selber glaubt, sie sei rassistisch, da Rassismus ja etwas sei, was es lediglich in einer Zeit gab, die weit zurückliegt. Vielen Lehrkräften fällt es deswegen schwer überhaupt zu erkennen, was Rassismus ist.

Sh: Wie soll man sich dem Problem an der Schule dann entgegenstellen, wenn man Rassismus überhaupt nicht bemerkt oder eine Äußerung/Handlung als nicht rassismusrelevant einstuft?

Fereidooni: Zunächst einmal ist es wichtig, sich als Lehrkraft umfassend mit dem Thema Rassismuskritik auseinanderzusetzen. Rassismus sollte als ganz normale Professionskompetenz von angehenden und ausgebildeten Lehrkräften gedacht werden. Um das zu gewährleisten, sollte Rassismuskritik schon in die erste Phase der Lehrer/- innenausbildung implementiert werden. So machen wir es auch hier in der Fakultät für Sozialwissenschaft in Bochum. Wir lesen entsprechende Texte mit den Lehramtsstudierenden, beispielsweise zum Thema racial profiling, und bereiten unsere Studierenden dann darauf vor, Unterrichtsmaterialien und Konzepte zu entwickeln, die diese Thematik aufgreifen. Außerdem kooperieren wir mit dem Schüler/-innen-Labor der Ruhr-Universität Bochum, d. h. es kommen ganze Klassen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern zu uns, die dann einen ganzen Tag z. B. zum Thema racial profiling beschult werden.

Sh: Was schlagen Sie zur Prävention von Rassismus an Schulen vor? Wie können Lehrkräfte Diskriminierungen konkret entgegenwirken, wie kann man sich zur Wehr setzen?

Fereidooni: Lehrkräfte sollten sich drei Fragen stellen. Erstens: Was hat Rassismus mit meinem eigenen Leben zu tun? Zweitens: Inwiefern befördern meine Unterrichtsmaterialien rassismusrelevante Wissensbestände. Drittens: Was passiert eigentlich in meinem Klassenraum und in meiner Schule rassismusrelevantes? Man muss sich vergegenwärtigen, dass sich kein Mensch frei machen kann von rassismusrelevanten Wissensbeständen. Diskriminierungen sollten nicht ignoriert oder verschwiegen werden, sondern es ist wichtig, seine Erfahrungen zu thematisieren. Andernfalls könnte es die Situation nur verschlimmern. Als Lehrkraft kann man sich an vertrauteKollegen und Vorgesetzte wenden. Das sind die primären Ansprechpartner. Natürlich kann man sich auch rechtliche Beratung einholen und sich an Antidiskriminierungsstellen wenden.

Sh: Wie könnte Rassismuskritik in den Schulalltag eingebunden werden?

Fereidooni: Mit handfesten rassismuskritischen Unterrichtsmaterialien – die gibt es mittlerweile. Es gibt z. B. einen Leitfaden zur rassismuskritischen Unterrichtsgestaltung, diesen findet man im Internet zum Download, es gibt Bücher, die sich damit beschäftigen, es gibt Fachdidaktiker, die sich damit beschäftigen. Ich selber habe zusammen mit Nina Simon ein Buch herausgegeben, an dem wir vier Jahre gearbeitet haben. Das Buch erscheint im November diesen Jahres und es verdeutlicht in einem ersten Teil, was ist eigentlich das spezifisch rassismusrelevante in einem Unterrichtsfach, beispielsweise in Musik, Erdkunde oder Sport. In einem zweiten Teil finden sich dann ganz konkrete Empfehlungen mit einzelnen Handlungsschritten, die Lehrkräfte anwenden können, um dagegen vorzugehen. Wer sich mit Rassismuskritik beschäftigen möchte, kann das heutzutage ohne Schwierigkeiten tun, und ich würde demjenigen Mut zusprechen, das anzugehen.

Sh: Die in den Schulen eingesetzten Materialien spielen also eine wesentliche Rolle?

Fereidooni: In den aktuellen Schulbüchern kann man einen Wandel beobachten, es wird deutlich, dass Deutschland eine Migrationsgesellschaft ist. Trotzdem wird in den Schulen Rassismus oft mit der Zeit des Nationalsozialismus in Verbindung gebracht, aber nicht mit der Gegenwart. Dahinter steht der Glaube, dass der Rassismus seit 1945 in der Bundesrepublik überwunden ist. Es geht darum, sich selbst zu sensibilisieren und zu hinterfragen, dazu kann man auch weiterhin das vorhandene Schulmaterial heranziehen. Zum Beispiel im Geographie-Unterricht: Wie wird Afrika dargestellt? Zeigen die Schulbücher Großstädte oder dörfliche Strukturen? Im Geschichtsunterricht kann man fragen, ob es im Schulbuch auch ein Kapitel zu den Errungenschaften Afrikas gibt? Oder fängt die afrikanische Geschichte erst mit dem Zeitalter der Kolonialisierung an? Insgesamt ist es mir wichtig zu sagen: Man sollte nicht in eine Abwehrhaltung verfallen und so tun, als gäbe es in Deutschland keinen Rassismus. Es sollte anerkannt werden, dass Rassismus ein Strukturierungsmerkmal unserer Gesellschaft ist, genauso wie Sexismus.

Weiterführende Informationen:
a) Autor*innen Kollektiv Rassismuskritischer Leitfaden (2015): Rassismuskritischer Leitfaden zur Reflexion bestehender und Erstellung neuer didaktischer Lehr- und Lernmaterialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit zu Schwarzsein, Afrika und afrikanischer Diaspora. Abrufbar unter: https://www.elina-marmer. com/wp-content/uploads/2015/03/IMAFREDU-Rassismuskritischer-Leiftaden_Web_barrierefrei-NEU.pdf

b) Dissertation von Prof. Dr. Karim Fereidooni zu Rassismuserfahrungen von Referendar*innen und Lehrer*innen mit sog Migrationshintergrund kann auf der folgenden Seite kostenlos heruntergeladen werden: http://archiv. ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/20203/

c) Schule heute Oktober 2020 „Zusammenhaltung“ darin u. a. dieses Interview

Karim Fereidooni (36) hat sechs Jahre als Lehrer für Deutsch, Politik/Wirtschaft und Sozialwissenschaften am St. Ursula Gymnasium Dorsten unterrichtet. Seit 2016 ist er an der Ruhr-Universität Bochum Juniorprofessor für die Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung. Seine Forschungsschwerpunkte sind Rassismuskritik in pädagogischen Institutionen, Schulforschung und Politische Bildung in der Migrationsgesellschaft sowie diversitätssensible LehrerInnenausbildung. Darüber hinaus berät Prof. Dr. Karim Fereidooni die Bundesregierung in dem Kabinettsausschuss der Bundesregierung zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus sowie im Unabhängigen Expert*innenkreis Muslimfeindlichkeit des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat.

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